Konzertlesung: „Das Mädchen aus der ersten Reihe“ macht Station am FAL-BK

Schülerinnen und Schüler stehen von ihren Stühlen auf und umarmen einander weinend. Lehrerinnen und Lehrer wischen sich eine Träne aus dem Augenwinkel, beobachten bewegt, was um sie herum geschieht. Es liegt ganz viel Liebe in der Luft und Glitter am Boden. Was ist hier gerade passiert?In der vollbesetzten Aula des Friedrich-Albert-Lange-Berufskollegs fand soeben die Konzertlesung „Musik trifft Roman – Batomae & Das Mädchen aus der 1. Reihe“ statt. Das war wohl das Berührendste, was je an dieser Schule passiert ist. Denn Jana erzählt ihre eigene Geschichte, zu der der mit Platin ausgezeichnete Singer- Songwriter Batomae den Soundtrack geschrieben hat. Es ist eine Geschichte von Sucht, Scham, Essstörung und Mobbing – aber auch von Liebe, Freundschaft und Musik.

Batomae beginnt die Veranstaltung mit der Frage, ob man sich vorstellen könne, dass die fröhliche junge Dame auf der Bühne vor ein paar Jahren 170kg gewogen habe. Unfassbar! Jana Crämer lächelt stolz und ein wenig verhalten von der Bühne herab. Sie hat sich ihren Weg runter von den Kilos hart erkämpft und ihr bester Freund Batomae ist maßgeblich daran beteiligt, dass es ihr heute besser geht. Sie kämpft immer noch, hadert mit sich und ihrem Körper und das wird wohl immer so bleiben, denn sie ist süchtig nach Essen. Wie sie in ihrem Roman von den Fressorgien erzählt, ist absolut schonungslos, und beim Zuhören schwankt man zwischen Verwunderung, Ekel und großem Respekt für diese Frau, die sich so offen zeigt, dass es manchmal fast wehtut. Auch als sie gnadenlos ehrlich ihren Körper beschreibt, wird es ganz still in der Aula. Man spürt die Bewunderung des Publikums und fragt sich, ob man selber die Traute hätte, so offen wildfremden Menschen vom eigenen Körper zu erzählen. Jana Crämer liest sehr lebendig. Ihr Gesicht und ihre Hände sind immer in Bewegung, sie durchlebt alle Emotionen noch einmal. Und das sind nicht nur verzweifelte und traurige. Sie berichtet auch von ihrer Freundschaft zu Jule, ihrer besten Freundin, ihrer großen Liebe zur Musik und von ihrer Schwärmerei für den Musiker Ben, den sie bei ihrem allerersten Besuch in einem Club kennenlernt. Dieser Ben, so sagt Jana Crämer später, sei keine reale Person. Er sei eine Mischung aus verschiedenen Menschen und ihr bester Freund Batomae gehöre auch dazu. Auf ihre Bitte hin schrieb er drei Songs speziell für Jana, die ganz wunderbar zu ihrer Geschichte passen. Der erste Song – „Kein Wort“ – handelt von der Freundschaft der beiden. Im Laufe der Lesung spielen Batomae und sein Bruder außerdem eine Vielzahl von Coverversionen, die direkt mit der Handlung des Romans zu tun haben. „Fields of Gold“ läuft beispielsweise, als Jana und Jule zum ersten Mal in einen Club gehen. Batomaes Version des Sting-Klassikers ist sanft und wunderschön. Er macht den Song zu seinem eigenen.

Er spielt aber nicht nur langsame Songs wie das eigene „Unvergleichlich“ oder Joe Cockers „You are so beautiful“, sondern auch mitreißende Stücke, wie Milows „Ayo Technology“ oder „Rebel Yell“ von Billy Idol. Es ist nicht einfach, das Schülerklientel eines Berufskollegs aus der Reserve zu locken, aber Batomae und Flo schaffen es. Zunächst noch etwas zurückhaltend, dann aber begeistert singen und klatschen die Jugendlichen mit. Die Mädchen singen „Oooh, yeah yeah!“, die Jungs „Oooh! Aaah!“ und das klang nie männlicher als hier in Duisburg, sagt Batomae.Jana hat aufgrund ihrer Sucht viel Schreckliches erlebt, von dem sie nun in der neuen, unzensierten Ausgabe ihres Romans berichtet. Was ihr aber in den schlimmsten Krisen immer hilft, ist die Freundschaft zu Batomae. Daher ruft der Musiker am Ende der Konzertlesung alle Zuhörenden dazu auf, nicht zu schweigen, wenn es ihnen schlecht geht, denn Schweigen ändert nichts. Geteiltes Leid sei halbes Leid, sagt er. „Nehmt die Menschen in den Arm, die euch wichtig sind. Vielleicht sitzen die jetzt gerade neben euch.“ Als Jana Crämer ganz am Schluss von der Bühne kommt, steht da schon die erste Schülerin, die ihr weinend um den Hals fällt. Schnell bildet sich eine Schlange und Jana nimmt sich Zeit, umarmt, streichelt, spricht aufmunternde Worte. Ob sie jedes Mal eine solche Reaktion beim Publikum hervorrufe, möchte man wissen. Ja, jedes Mal, sagt Jana.

Das zu hören, stimmt einerseits traurig, aber auch hoffnungsvoll.

Julia Doppelfeld


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